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Norderstedter Solardorfprojekt faktisch gescheitert

Photovoltaik, Haustechnik, Neubau, Bau & Sanierung

Im beschaulichen Norderstedt vor den nördlichen Toren Hamburgs kochen die Emotionen hoch. Es geht um ein Neubaugebiet, das sich autark mit Solarstrom und über ein ausgeklügeltes, smartes Speicherkonzept mit Elektroautos versorgen sollte. Das Brisante: Das Konzept wurde vor Baubeginn hochgelobt, preisgekrönt und natürlich auch den Bauherren für eine stolze Summe verkauft. Nach eineinhalb Jahren ist das Gesamtkonzept immer noch nicht in die Praxis umgesetzt worden. Die Bauherren haben sich daher formiert und wir wollten von ihrem Sprecher Christian Fischer wissen, was schief gelaufen ist und wie man das Projekt "Solardorf Müllerstraße" noch retten kann.

Das Solardorfprojekt in Norderstedt steht auf der Kippe. Aus technischen Gründen sprechen die Bauherren bereits vom Scheitern des Vorzeigeprojekts. (Foto: Christian Fischer)

Das Solardorfprojekt in Norderstedt steht auf der Kippe. Aus technischen Gründen sprechen die Bauherren bereits vom Scheitern des Vorzeigeprojekts. (Foto: Christian Fischer)

Sehr geehrter Herr Fischer, wir waren erstaunt aber auch erschrocken, als wir aus der Presse entnehmen mussten, dass das Norderstedter Vorzeigeprojekt "Solardorf Müllerstraße" im Ossenmoorring, immer noch nicht voran gekommen ist.

Sie als Bauherr haben ein "Solar-Paket" für rund 70.000 Euro mitgekauft. Welche Komponenten umfasste das Solar-Paket?

Christian Fischer: "In Summe umfasste das Solarpaket 10 Bausteine. Die wichtigsten davon waren die Namensgeber für das Solardorf, die Photovoltaikanlagen. Neben denen hatte der Projektentwickler ein Elektroauto sowie eine dazu gehörige, spezielle Wandladebox vorgesehen. Weiterhin waren ein Hausautomation-System ("Smart Home") sowie ein intelligentes Stromnetz, das "Smart Grid", geplant. Ergänzt werden sollte das System durch einen Haus-Energiemanager mit Speicherfunktion, spezielle Stromzähler, einen Überspannungsschutz und eine Fernwärme-Übergabestation zum Anschluss an ein Blockheizkraftwerk. Als zehnte Position war die technische Betreuung durch ein Ingenieurbüro vorgesehen."

Wie sollte das Speicherkonzept und das Selbstversorgungskonzept genau funktionieren?

Christian Fischer: "Das Zusammenspiel dieser Komponenten bildet die besondere Lösung, die hier geplant war: durch die Photovoltaikanlagen sollte jedes Haus selbst seine benötigte Energie produzieren können. Was gerade nicht verbraucht wird, sollte in den Speicher geladen werden. Im Idealfall hätte die Hausautomation dies erkannt und vorher bereits Geräte, die in "Wartestellung" standen, selbständig eingeschaltet, wie beispielsweise einen startbereiten Geschirrspüler, Wäschetrockner, Waschmaschine etc.

Spannend wird es jedoch, wenn kein Verbraucher im Haus zur Verfügung steht und auch der Speicher voll ist: dann sollte der Strom im Elektroauto gespeichert werden. Ist auch dieses voll geladen, sollte der Strom mit den Nachbarn ausgetauscht werden: Das Smart Grid hätte für diesen Zweck über eine ganze Reihe von Messpunkten innerhalb der Häuser verfügen sollen, die an strategisch wichtigen Punkten im Stromnetz wie z.B. den Photovoltaikanlagen, den Hausspeichern, den Autoladeboxen und wichtigen Großverbrauchern wie die eben genannten Wäschetrockner die Energieflüsse messen.

Stellt das Smart Grid nun über diese Sensoren fest, dass z.B. bei Familie Müller mehr Strom produziert wird als verbraucht werden kann, bei Familie Meier aber der selbst produzierte Strom gerade einmal für den laufenden Geschirrspüler aber eben nicht mehr für die Waschmaschine ausreicht, hätte das System den bei Müllers nicht benötigten Strom an Meiers weiterleiten und das Smart Home im Hause Meier anweisen sollen, die Waschmaschine dennoch zu starten.

Sofern einmal mehr Strom verbraucht worden wäre als in allen Häusern selbst produziert würde, hätte es zwei Wege gegeben: zum Einen war ein Blockheizkraftwerk Teil des Konzepts, das in diesem Falle Strom hätte liefern können. Über die Integration ins Smart Grid wäre es problemlos möglich gewesen, dem BHKW ein Startsignal zu übermitteln, damit kurz darauf ausreichend Strom zur Verfügung stünde.

Der ganz besondere Ansatz des Konzepts war aber, die Batterie der Elektroautos mit in die Energieversorgung der Häuser einzubeziehen. Sie hätten als Erweiterung der ohnehin in den Häusern vorhandenen Hausspeicher dienen sollen. Sind also sowohl Eigenproduktion der PV-Anlagen als auch Hausspeicher nicht in der Lage den anfallenden Verbrauch im Haus (oder auch im Nachbarhaus) zu decken, wäre die spezielle Auto-Ladebox in der Lage gewesen, die Energie in der ca. 20kWh fassenden Batterie des Autos wieder in das Haus zurück zu laden und damit den Verbrauchern im Haus zur Verfügung zu stellen. Erst wenn alle so kombinierten Leistungsreserven aufgebraucht sind, hätte das BHKW den zusätzlich benötigten Strom geliefert. Hätte auch das nicht mehr ausgereicht, hätte es noch die Möglichkeit des herkömmlichen Netzbezugs gegeben, dies hätte aber wohl nur sehr selten stattgefunden.

Rechnet man all diese Punkte zusammen, hätte sich eine nahezu hundertprozentige Autarkie vom Stromnetz ergeben. Durch die Möglichkeit, die Elektroautos mit selbst produziertem Strom zu laden, wären attraktive Szenarien im Bereich der CO2-freien Elektromobilität Realität geworden, die man bisher nur aus Modellberechnungen kannte."

Welche Komponenten wurden bereits umgesetzt, welche noch nicht? Und wo liegen genau die technischen Schwierigkeiten?

Christian Fischer: "Lassen Sie mich die Fragen kombinieren: die technischen Schwierigkeiten ergeben sich aus der fehlenden Umsetzung der einzelnen Bausteine, und aus der fehlenden Umsetzung der einzelnen Bausteine ergeben sich weitere technische Schwierigkeiten. So ist zum Beispiel die Technologie, Energie aus dem Speicher eines Autos in das Haus zurückzuführen, in Deutschland bisher weder verfügbar noch zugelassen. Damit fällt ein wesentlicher Teil des Speicherkapazität und damit des Autarkiegrades in sich zusammen.

Weiterhin hat der Erschließer uns Anfang des Jahres eröffnet, dass die geplante Smart Grid Lösung aus Kostengründen nicht umgesetzt wird und versucht nun, uns eine stark vereinfachte Form dessen schmackhaft zu machen, in der wohl lediglich die Zählerstände der Stromzähler miteinander verrechnet werden sollen. Mit dem ursprünglichen Konzept hat das aber nur noch wenig zu tun, schließlich hätte das Smart Grid durch seine Messpunkte und weitreichenden Aktionsmöglichkeiten einen erheblich höheren Funktionsumfang gehabt. Nachdem auch im Bereich Smart Home erhebliche Änderungen erfolgten und das ursprünglich vorgesehene Produkt auf der etablierten KNX-Basis gegen ein erst kürzlich am Markt platziertes Funksystem getauscht wurde, gab es auch hier weitere Probleme die dazu führten, dass der Erschließer den Themenkomplex Smart Home kurzerhand aus dem Projekt warf und, anstatt eine Lösung zu suchen, es den Bauherren inzwischen freigestellt ist, ob und wenn ja, welches System sie einbauen wollen.

Wir stellen immer wieder fest, dass Bausteine des Solarpakets verändert oder gar ganz gestrichen werden. Dies hat natürlich Auswirkungen auf das gesamte Konstrukt: wenn ich bei einem Auto ein Rad abbaue und z.B. den Benzinmotor gegen einen Elektromotor austausche, aber sonst keine Anpassungen vornehme darf ich mich nicht wundern, wenn das Auto auf einmal nicht mehr fährt. Natürlich funktioniert der Elektromotor für sich allein gesehen sehr gut und auch das abgebaute Rad kann ich anderweitig verwenden, die ursprüngliche Lösung ist durch Entnahme dieser zentralen Module aber quasi auf ihren Materialwert reduziert: erst durch das Zusammenspiel aller Komponenten ergibt sich der Mehrwert.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Erschließer das Ingenieurbüro, das sowohl das Energiekonzept erstellt hat als auch für die Umsetzung und technische Betreuung des Projekts vorgesehen war, im Februar ersatzlos abgesetzt hat. Das Projekt ist seit einem halben Jahr ohne technische Führung, und das in einer Zeit, in der der Großteil der Bauvorhaben mitten in der Umsetzung stecken oder diese kurz bevor steht.

Als wäre das noch nicht genug, gibt es erhebliche rechtliche Probleme in mehreren Richtungen im Solardorf, sodass uns als Kollektiv der Bauherren nur noch übrig blieb, gemeinsam einen Rechtsanwalt zu beauftragen, welcher inzwischen auch Klage bei Gericht eingereicht hat. Aber das steht auf einem anderen Blatt, ebenso wie massive Kommunikationsprobleme mit der Erschließungsgesellschaft."

Nach nunmehr eineinhalb Jahren stockt das gesamte Projekt. Welche Verantwortung haben die Stadt Norderstedt und der Erschließungsträger Schilling?

Christian Fischer: "Das ist ganz einfach: die Erschließungsgesellschaft wird sich an dem messen lassen müssen, was vertraglich vereinbart ist. Und das sowohl mit den Bauherren als auch mit der Stadt Norderstedt. Da die Umsetzung des Projekts aus Sicht der Bauherren quasi nicht mehr möglich ist, wird sich Fa. Schilling meiner Ansicht nach Schadensersatzforderungen ausgesetzt sehen, da sie in der vollen Verantwortung zur Umsetzung des Konzepts steht. Für die handwerklichen Fehler, die dabei passiert sind und das Projekt zum jetzigen Stand geführt haben, kann man nur die Erschließungsgesellschaft und indirekt die Stadt Norderstedt als deren Auftraggeber verantwortlich machen.

Die Verwaltung der Stadt Norderstedt hat hier noch ein ganz anderes Problem, denn dort stehen Wähler als "Auftraggeber" der Stadt und der Verwaltung auf der anderen Seite. Es hätte hier eine wesentlich intensivere Kontrolle des Projekts stattfinden müssen, stattdessen hat die Politik sich mehrfach für nicht zuständig erklärt und an Fa. Schilling verwiesen. Sollte sich nicht noch irgendeine wundersame Wendung im Projekt finden, werden Opposition und Bevölkerung vermutlich kritische Fragen stellen. Dies ist insofern besonders kritisch, da die Stadt für das Projekt bereits mit einem Preis des Bundesumweltministeriums ausgezeichnet wurde.

Der zu erwartende Image-Schaden dürfte sowohl für Fa. Schilling als auch für die Stadt erheblich sein, und ich könnte mir gut vorstellen dass die Stadt im Falle eines Scheiterns des Projekts Fa. Schilling dafür verantwortlich machen wird. Der Erschließer hat kräftig an der Werbe- und PR-Schraube für das Projekt und sein Konzept gedreht. Das hatte auf uns und unsere Bauvorhaben unerwartet starke Auswirkungen, sodass dass wir uns gezwungen sahen, auf unserer Webseite www.ossenmoorring.de eine Reihe von Richtigstellungen zu veröffentlichen, die laufend aktualisiert werden."

Womit begründen die Stadt Norderstedt und Schilling die Verzögerungen?

Christian Fischer: "Diese Frage stellen Sie am besten der Stadt und Fa. Schilling. Wir haben jedenfalls keine Antwort darauf, uns wurde das Konzept damals als "fertig" verkauft. Es wurde so oft erzählt dass man in Gesprächen sei, dass hier Termine stattfänden und da Entscheidungen kürzlich zu erwarten seien und so weiter. Ergebnisse gab es aber nur höchst selten, und wenn dann von eher fragwürdiger Natur. Selbstverständlich alles nur mündlich, Schriftliches gab es so gut wie nie. Einbezogen wurden wir nicht, vielmehr wurde uns mehrfach deutlich signalisiert dass man uns bei wichtigen Gesprächen nicht dabei haben möchte. So geht man eigentlich nur vor, wenn man etwas zu verbergen hat, oder?"

Wie sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen, um das Projekt "Solardorf Müllerstraße" noch erfolgreich umzusetzen?

Christian Fischer: "Wie schon angedeutet, ist eine erfolgreiche Umsetzung nach dem definierten Konzept heute aus Sicht der Bauherren quasi unmöglich geworden. Dazu sind zu viele und zu schwerwiegende Fehler gemacht worden. Hauptproblem ist aber, dass das Vertrauensverhältnis der Bauherren zur Erschließungsgesellschaft aufgrund diverser ungehaltener Versprechen, Drohungen und Täuschungen inzwischen nachhaltig gestört ist.

Eine Realisierung wäre vielleicht noch möglich, wenn sich ein unbefangener Projektleiter fände, der über die notwendige Expertise und die entsprechenden Kompetenzen verfügt. Aber selbst wenn das gelänge, wäre der finanzielle Aufwand erheblich. Bereits heute rechnet sich das Solardorfkonzept für die Bauherren nicht, weitere Kosten würden diesen Punkt noch verstärken. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob alle Bauherren bereit sind, die von den Verantwortlichen gemachten Fehler zu tragen. Hinzu kommt, dass bereits mehrere Häuser im Solardorf fertig gebaut sind und hier tiefgreifende Eingriffe in die bestehende Haustechnik notwendig würden. Ich bin mir nicht sicher ob alle solch einem Vorgehen zustimmen würden."

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"Norderstedter Solardorfprojekt faktisch gescheitert" wurde am 01.10.2014 verfasst