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Warum gibt es (noch) keine Energie-Blockchain?

Eigentlich könnte doch alles so einfach sein. Mithilfe der Energie-Blockchain könnte man wirkliche Marktwirtschaft in den Energiemarkt in Deutschland einziehen lassen. Leider stehen dem noch viele Hürden im Weg. Was sich genau in Deutschland ändern muss, damit man Strom zum und vom Nachbarn verkaufen und kaufen kann, haben wir Michael Merz vom Softwareunternehmen PONTON GmbH aus Hamburg gefragt.

Dr. Michael Merz, Geschäftsführer des Softwareunternehmens PONTON GmbH und Entwickler der Enerchain, einer Blockchain für den Energie-Großhandel. (Foto: PONTON GmbH)

Dr. Michael Merz, Geschäftsführer des Softwareunternehmens PONTON GmbH und Entwickler der Enerchain, einer Blockchain für den Energie-Großhandel. (Foto: PONTON GmbH)

Herr Merz, Sie sind selbst Anbieter der Enerchain, einer Blockchain-Lösung, die im europäischen Energiehandel eingesetzt wird und Autor des Fachbeitrags "Einsatzpotenziale der Blockchain im Energiehandel". Was ist die grundsätzliche Voraussetzung, dass man überhaupt über die Implementierung einer Blockchain im größeren Maßstab nachdenken kann?

Michael Merz: Um zwischen Haushalten und Unternehmen Energie lokal zu liefern, ist die digitale Messung, Abrechnung und Übertragung der eigenen Stromproduktion bzw. des eigenen Stromverbrauchs in Echtzeit eine grundlegende Voraussetzung. Daher ist diesbezüglich zunächst eine weitere Verbreitung von Smart Meter entscheidend.

Der Einsatz einer Blockchain im Energie-Großhandel ist heute bereits möglich. Hierzu bieten wir die Software „Enerchain“ an, mit der der außerbörsliche P2P-Handel von Energie unterstützt wird. Energiehändler installieren sich hierzu einen Knoten der Blockchain sowie die erforderliche Trading-Screen, über die Orders übermittelt und Handelsgeschäfte abgeschlossen werden können. Beides wird über die Blockchain direkt zwischen den Teilnehmern ausgetauscht.

Wie könnte die zukünftige Entwicklung eines Peer-to-Peer-Handels aussehen?

Michael Merz: Heute wird im Großhandel manuell agiert. Will man Strom handeln, so erfordert dies einen "Klick", der eine Lieferung kauft oder verkauft. Teilweise werden jedoch bereits heute Robots mit voreingestellten Parametern genutzt, die bei den entsprechenden Einstellungen kaufen und verkaufen. Letztlich werden die Stromgeschäfte immer kurzfristiger und kleinteiliger. Gleichzeitig steigen die Transaktionskosten relativ zum Wert des Handelsgeschäfts. Dies führt in Zukunft zu einem vermehrten Einsatz von Robots und längerfristig zum Einsatz einer Blockchain und einem P2P-Großhandel.

Durch die Daten, die ein Smart Meter-Strommarkt bereitstellt, könnte diese Art der Allokation natürlich noch deutlich weiter verfeinert, beschleunigt und effizienter gestaltet werden. In 10 Jahren werden in wenigen Sekunden Mikromengen gehandelt werden, deren Transaktionskosten mit einer Energie-Blockchain weit unter 1 Cents liegen werden.

Sie skizzieren in Ihrem Fachbeitrag "Einsatzpotenziale der Blockchain im Energiehandel" zwei Szenarien, wie die Blockchain zukünftig in Deutschland zum Einsatz kommen könnte. Sie nennen zum einen den "evolutionären Einsatz" als Top-Down-Ansatz. Wie könnte das konkret aussehen?

Michael Merz: Der evolutionäre Ansatz der Implementierung einer Energie-Blockchain würde zunächst nur wenige Marktrollen betreffen. Das heißt, dass man eine Blockchain-Software zunächst nur zwischen Händlern einsetzen könnte, sodass ein höherer Grad an Standardisierung im Handel selbst eingeführt würde. Im nächsten Schritt könnte dann die Abwicklungsphase folgen, so dass z. B. die Erfüllung der REMIT-Regularien (Regulation on wholesale Energy Market Integrity and Transparency) durch eine Blockchain vereinfacht wird, wenn der Regulator direkt über die Blockchain Zugriff auf Handelsgeschäfte hat.

Einfach ist eine evolutionäre Einführung allerdings nicht, da es sehr viel Abstimmungsaufwand gäbe und nicht sichergestellt ist, dass alle Marktteilnehmer sich beteiligen würden, sofern es keine gesetzgeberische Verpflichtung dazu gäbe.

Sie erwarten daher ein alternatives Szenario, in dem die Blockchain einer disruptiven Diffusion folgend als „bottom-up“-Ansatz eingeführt werden würde. Was kann man sich darunter konkret vorstellen und welche Auswirkungen hätte dies auf die Energiewende und den Endverbraucher?

Michael Merz: Ein disruptiver Umstieg auf eine Blockchain im Energiehandel wäre wesentlicher effektiver, z.B., indem auch auf lokaler Ebene die Produktion und der Verbrauch von Strom gehandelt werden würde. Einen Anreiz könnte hierbei der Regulator schaffen, indem er für den Handel im lokalen Netz die üblichen Entgelte, Steuern und Umlagen reduzieren würde. So könnten beispielsweise die Netznutzungsentgelte im regionalen Stromhandel dynamisiert werden, um den lokalen Handel von Energie zwischen Produzenten und Verbrauchen zu befördern. Dies würde die Vorteile geringerer Transaktionskosten beim Produzenten oder Verbraucher auch ankommen lassen. Auf das Beliefern des Nachbarn mit eigenem Solarstrom würden dann nahezu keine Netzentgelte entfallen. Statt 28 Cent, würde der Verbraucher vielleicht, 24 Cent zahlen, von denen 12 an den Produzenten gehen.

Aktuell befinden wir uns diesbezüglich noch in der konzeptionellen Phase - z.B. im Rahmen des Projekts "NEW 4.0" (Norddeutsche Energiewende). An diesem Projekt nehmen Unternehmen und Institute aus Hamburg und Schleswig-Holstein teil, die auf einer digitalen Grundlage Lösungen für eine maximale Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien entwickeln wollen. Innerhalb dieses Projekts sollen solche Modelle auf regionaler Ebene getestet werden.

In Deutschland wird per Bilanzkreis überprüft, dass nur genau die Energie verkauft oder geliefert werden kann, die produziert wurde und dass jeder Energielieferant seine Mengen auch exakt an den Energiemärkten oder über eigene Erzeugung beschafft hat. Wie müssen Bilanzkreise zukünftig geregelt sein, dass man als Besitzer einer Photovoltaikanlage seinen Strom an seine Nachbarn auch physisch liefern und abrechnen kann?

Michael Merz: Im Grunde müsste es weit mehr Bilanzkreise geben und letztlich jeder Anlagenbesitzer mit seinen Stromkunden einen eigenen Bilanzkreis eröffnen. Dies ist aber meines Erachtens nicht effizient. Umgekehrt wäre das Ortsnetz als Bilanzkreis diesbezüglich denkbar, wobei sich die Teilnehmer so gut es geht ausgleichen. Die Residuallast kann dann überregional durch den klassischen Lieferanten ausgeglichen werden, der dann als Bindeglied zwischen Großhandel und regionalem Handel fungiert.

Aktuell ist das Bilanzkreismanagement noch mit hohem Aufwand verbunden, sodass die formalen Anforderungen erst gesetzgeberisch geändert werden müssten, um auch die Abwicklung des regionalen Stromhandels zu automatisieren und diese Transaktionskosten zu senken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interessierten Lesern empfehlen wir den Fachbeitrag von Michael Merz "Einsatzpotenziale der Blockchain im Energiehandel".

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"Warum gibt es (noch) keine Energie-Blockchain?" wurde am 21.02.2017 verfasst