Letzte Aktualisierung: 02.09.2022

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CO2-Streit um Holz-Bilanz: Zählt der Baum oder der ganze Wald?

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Ist Holz nun klima- bzw. CO2-neutral oder nicht? Lange Zeit dachten viele, dass es keinen Unterschied mache, ob Holz verrottet oder verbrannt wird. Heute argumentieren viele Wissenschaftler, dass Holz aus Klimaschutzgründen im Wald verbleiben solle. Holzverbände wehren sich und verweisen auf das Ökosystem Wald.

ROBIN WOOD, Deutsche Umwelthilfe und NABU demonstrierten am Heizkraftwerk Tiefstack in Hamburg gegen das Verfeuern von Holz in Kraftwerken. Ihre Kritik: Das industrielle Verheizen von Holz ist weder erneuerbar noch klimafreundlich. (Foto: Mirko Boll / ROBIN WOOD)

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In einem gemeinsamen Brief an Bundesministerin Steffi Lemke kritisieren Verbände der Forst- und Holzwirtschaft sowie der Anlagentechnik die Darstellung der Holzenergie auf der offiziellen Webseite des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV). Auf einer jüngst veröffentlichten Themenseite heißt es dort unter anderem, das Heizen mit Holz sei "nicht klimaneutral".

"Holz ist eine vielseitige nachwachsende Ressource, die ganzheitlich und in Kreisläufen genutzt wird. Durch effiziente stoffliche und energetische Verwendung liefert sie einen unverzichtbaren Gesamtbeitrag zur Erreichung der Klimaziele. Eine einseitige Darstellung dieses Komplexes verkennt die Multifunktionalität des Waldes und des Holzes sowie die Leistung der Wertschöpfungskette", so das Verbändebündnis. Verkürzte und missverständliche Bewertungen von staatlicher Seite verunsichern Bürgerinnen und Bürger. Mit der ministeriellen Aufgabe des Verbraucherschutzes sei dies nicht zu vereinbaren, hieß es weiter.

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Der Baum wächst zu langsam, um klimaneutral zu sein

In ungenutzten Wäldern wächst die Biomasse nicht unendlich: Die Bäume sterben ab und das sich zersetzende Totholz gibt den gebundenen Kohlenstoff größtenteils als CO2 wieder frei: Diese Waldökosysteme sind langfristig CO2-neutral.

Lange Zeit galt die vorherrschende Meinung, dass bei der „energetischen Nutzung“ – also der Verbrennung von Holz - nur so viel gebundener Kohlenstoff als CO2 freigesetzt wird, wie vorher via Photosynthese aufgenommen wurde. Dieses CO2 zirkuliert dann im natürlichen Kohlenstoff-Kreislauf und trage deshalb nicht zur CO2-Anreicherung der Atmosphäre bei.

Viele Experten argumentieren allerdings mittlerweile, dass die Biomasse in sehr langen Zeiträumen entstünde und durch die Verbrennung mehr CO2 in die Atmosphäre gelänge, als wenn das Holz nicht verbrannt wäre.

Forscher gehen bei der „Amortisationszeit“ des Holzes, also der Zeit in der die Bäume nachwachsen können und die gleiche Menge CO2 aufnehmen, von etwas mehr als vierzig Jahren aus. Ein Zeitraum, der weit über den vom IPCC als entscheidend für die Reduzierung der CO2-Emissionen ermittelten Zeitraum hinausgeht. Denn in der Zwischenzeit kann der von Ihnen emittierte Kohlenstoff potenziell irreversible Auswirkungen haben, die auftreten können, bevor die langfristigen Vorteile realisiert werden.

In einem „Letter from Scientists to the EU Parliamanet regarding Forest Biomass“ haben Wissenschaftler daher bereits 2018 eindrücklich davor gewarnt, die Energieversorgung auch durch übermäßigen Holzeinschlag substituieren zu wollen.

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„Von der energetischen Holznutzung aus Klimaschutzgründen ist abzuraten“

Das Umweltbundesamt verweist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Bedeutung des Waldes als Kohlenstoffspeicher. So wird in deutschen Wäldern die enorme Menge von 1,26 Mrd. Tonnen Kohlenstoff in oberirdischer oder unterirdischer ⁠Biomasse⁠ gespeichert, die zuvor der ⁠Atmosphäre⁠ durch ⁠Photosynthese⁠ entzogen worden sind. Kommt es zu einer Verringerung des Wald- oder Baumbestandes, so komme auch zu einer damit einhergehenden Abnahme des Kohlenstoffspeichers.

Daher könne nur für begrenzte Mengen an Holz eine Treibhausgasneutralität angenommen werden. Die Voraussetzung hierfür ist, dass für den Ort der Holzernte mindestens eine vollständige Regeneration des Kohlenstoffbestandes im zeitlichen Rahmen der geltenden Klimaziele sichergestellt sein muss.

Die Klimaziele gingen laut Umweltbundesamt jedoch noch darüber hinaus. Der Wald soll als Kohlenstoffsenke erhalten bleiben und diese Leistung möglichst maximiert werden. Dazu darf sogar nur weniger Kohlenstoff entnommen werden als gebunden wird. Das klimafreundliche Potenzial ist also begrenzt, daher ist von der energetischen Holznutzung aus Klimaschutzgründen abzuraten, so das Umweltbundesamt.

„Für das Klima zählt nicht der einzelne Baum“

Die Expertinnen und Experten des Verbändebündnisses widersprechen konkret dieser Bilanzierungslogik, das sich auf einen einzelnen Baum beziehe. Vielmehr müsse der Kohlenstoffkreislauf nachhaltig bewirtschafteter Wälder als Ganzes analysiert werden. Denn laut Verbänden belegten Studien auch, dass die alleinige Erhöhung des Kohlenstoffspeichers im Wald keinesfalls zu einer besseren CO2-Bilanz führe.

Im Gegenteil: Produktspeicher sowie die Substitution energieintensiver Materialien oder fossiler Brennstoffe haben sogar eine größere Wirkung. Aussagen wie CO2-Emissionen von Holz seien "höher als bei fossilen Energieträgern wie Kohle oder Gas" sowie ein suggerierter Mangel an Biomasse-Potenzialen und eine unvermeidbare Feinstoffbelastung wirken daher sehr einseitig, so die Holzverbände.

Auch die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) weist diese Darstellung zurück: Für das Klima zählt nicht der einzelne Baum, sondern die Bilanz der CO2-Emissionen und der Kohlenstoffbindung im Wald insgesamt.

Die FNR begründet dies damit, dass der Platz für Bäume auf der Waldfläche begrenzt ist. Im Streben nach Licht, Wasser und Nährstoffen konkurrieren die Bäume untereinander. Wird ein Baum entnommen, nutzen Nachbarbäume die frei gewordene Stelle und kompensieren die Entnahme mit stärkerem Biomassewachstum. Das entnommene Holz substituiert durch seine stoffliche und später seine energetische Nutzung andere fossile Rohstoffe oder Energieträger und verstärkt somit den Klimaschutzeffekt.

Grundmaxime für klimaneutrales (oder klimapositives) Wirtschaften mit Holz sei es laut FNR, dass der Saldo positiv oder mindestens ausgeglichen sein muss: Es muss mehr oder mindestens so viel nachwachsen, wie entnommen wird. Das ist unter dem Begriff Nachhaltigkeit auch die Leitlinie der Forstwirtschaft in Deutschland.

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„In Wäldern gibt es keine Reste“

Der Streit um die Klimabilanzierung hat aber längst den Elfenbeinturm verlassen. So demonstrierten in der Nacht zu heute die Umweltorganisationen ROBIN WOOD, Deutsche Umwelthilfe und NABU am Heizkraftwerk Tiefstack in Hamburg gegen das Verfeuern von Holz in Kraftwerken. Ihre Kritik richtet sich – wie auch die der Autoren des „Letter from Scientists to the EU Parliamanet regarding Forest Biomass“ – gegen die Förderpolitik der EU, das industrielle Verheizen von Holz als klimaneutral anzusehen.

Auch sie verweisen auf Studien, die zeigen, dass eine Einstufung der Holzverbrennung als erneuerbar – und damit als emissionsfrei – nicht gerechtfertigt sei. Denn die Verbrennung von Holz setzt mindestens ebenso viele Treibhausgase frei wie die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Der Ausgleich dieser Belastung dauere Jahrzehnte bis Jahrhunderte.

„Holz in Kraftwerken zu verfeuern, ist grundsätzlich klimaschädlich. In Wäldern gibt es keine Reste. Totholz ist ein unentbehrlicher Lebensraum, Nährstoff und Wasserspeicher. Auch geschädigte Bäume sind mit ihrem genetischen Gedächtnis wichtig für künftige stabile Waldgenerationen im Klimawandel. Zudem lässt sich schwer kontrollieren, ob nicht doch gesundes Rundholz im Kraftwerk landet“, sagt ROBIN WOOD-Waldreferentin Jana Ballenthien.

„Wälder im großen Maßstab in umgerüsteten Kohlekraftwerken zu verfeuern, ist keine innovative Energie- und Wärmewende, sondern eine sehr schlechte Idee. Intakte Wälder sind elementar für den Klima- und Artenschutz. Wir brauchen Investitionen in echte emissionsfreie Erneuerbare sowie Energieeinsparung anstatt kontraproduktiver Scheinlösungen. Die EU darf Energie aus Waldholz nicht länger als erneuerbare Energie fördern – staatliche Unterstützung darf es nur für wirklich klimafreundliche Technologien geben“, sagt Leif Miller, Bundesgeschäftsführer des NABU.

Die Umweltorganisationen kritisieren zudem, dass auch Förderprogramme für „grüne“ Fernwärme wie die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) den Einsatz von Holzbiomasse nicht ausschließen. Die Bundesregierung bezuschusst so die großindustrielle Holzverbrennung und setzt für Betreiber von Wärmenetzen Anreize, die dem Ziel der Klimaneutralität komplett zuwiderlaufen. „Die Holzverbrennung zur Energieproduktion muss komplett von staatlicher Förderung ausgenommen werden, sonst verheizen wir unsere Zukunft“, sagt Ballenthien.

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