Letzte Aktualisierung: 11.08.2022

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Deutschland liefert Gas nach Polen - kein Grund zur Aufregung!

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Die Gaskrise hat Deutschland fest im Griff. Und erhitzt die Gemüter. In vielen sozialen Medien wird teils heftig kritisiert, dass Deutschland nach Polen Gas liefert, während wir in größter Not Gas sparen sollen. Die Ursachen dafür sind hingegen schlicht. Und keinesfalls Stoff für eine Verschwörung.

Über die Verdichterstation Mallnow bei Lebus, nördlich von Frankfurt/ Oder, wird Erdgas sowohl nach Deutschland als auch nach Polen durchgeleitet. (Foto: GASCADE Gastransport GmbH)

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Auch der Bundesnetzagentur ist die "Problematik" in Mallnow wichtig genug, um dieser einen Eintrag in ihren FAQs in dem wohl aktuell meist frequentierten Kapitel ihrer Webseite zu widmen. Dort bestätigt sie, was viele bislang nicht recht glauben wollten: "Seit Jahresanfang verläuft der Gasfluss in Mallnow überwiegend von Deutschland nach Polen. Das Gas wird also exportiert." Die Gründe hierfür sind jedoch banaler als gedacht.

Gasnetz ist ein weit verzweigtes Labyrinth aus miteinander kommunizierenden Röhren

Um zu verstehen, warum Gaslieferungen nach Polen nun einmal keiner geheimen Absicht unterliegen, muss man sich das europäische Gasnetz anschauen. Denn das europäische Erdgas-Transportnetz hat eine Länge von rund 225.000 Kilometern und erstreckt sich von Nord- nach Südeuropa und vom Atlantik bis Sibirien.

Denn die EU – wie die Studie "Renewable Space Heating under the Revised Renewable Energy Directive" erneut herausstellte - ist in der Industrie als auch bei der Heizwärmeversorgung in hohem Maße von Erdgas abhängig: Fast 50 Prozent der Heizwärme werden durch Erdgas erzeugt.

Mit einem Anteil von etwa 50 Prozent liegt Deutschland nahe am EU-Durchschnitt. Zu den am wenigsten abhängigen Ländern gehören Schweden und Finnland mit 5 bzw. 10 Prozent. Auch in vielen osteuropäischen Mitgliedstaaten ist die Erdgasabhängigkeit deutlich geringer als im EU-Durchschnitt: In der Slowakei, Bulgarien, Estland, Litauen und Polen liegt der Erdgasanteil bei der Raumwärme unter 30 Prozent.

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Dennoch müssen alle Länder mehr oder weniger mit Gas versorgt werden. Daher ist das Gasnetz auch nicht auf ein Land beschränkt, sondern ein weit verzweigtes Labyrinth aus miteinander kommunizierenden Röhren.

Das Gas bewegt sich in diesen Rohren mit einem Druck von bis zu 200 bar, Kompressor- und Verdichterstationen im Abstand von 80 bis 160 Kilometern halten den Druck aufrecht. Verteilnetzbetreiber leiten dann letztlich das Gas mit geringerem Druck in die noch viel weiter verzweigten lokalen Gasnetze bis zum Endverbraucher weiter.

Mallnow ist nur ein europäischer Umschlagplatz für Gas

Die Verdichterstation Mallnow der Gascade Gastransport GmbH nahe der deutsch-polnischen Grenze übernimmt Erdgas aus der JAMAL-Pipeline. Von hier aus fließt das Gas durch die JAGAL-Pipeline ("Jamal-Gas-Anbindungsleitung") in Richtung Westdeutschland.

Im Juli 2022 hat Russland die Gaslieferungen nach Europa verknappt: Die Lieferungen nach Deutschland, Dänemark, in die Niederlande und nach Italien wurden reduziert, und die Ströme durch Nord Stream 1, die größte Importroute in die EU, wurden drastisch gekürzt. Die Lieferungen Russlands an die baltischen Staaten, Polen, Bulgarien und Finnland wurden eingestellt.

Der russische Gas-Lieferstopp nach Polen ist für den Gashandel jedoch unerheblich, denn in technischer Hinsicht wird aufgrund bestehender Lieferverpflichtungen weiterhin Gas an Polen geliefert - über Mallnow. Denn die Gasleitungen werden von vielen Ländern genutzt.

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Nach dem russischen Lieferstopp kaufen polnische Händler nun verstärkt Gas von anderen Händlern, wodurch das Gas nun vermehrt von West nach Ost, also Richtung Polen fließt. Dass nun Gas über einen deutschen Grenzübergang nach Polen geliefert wird, heißt daher eben nicht, dass dies bereits deutsches Gas wäre, das zwingend deutsche Händler gekauft haben und wieder an Polen verkaufen.

"Über deutsches Territorium werden erhebliche Gasmengen in andere EU-Staaten transportiert", erläutert das Bundeswirtschaftsministerium auf seiner Webseite. Mallnow ist daher lediglich ein physikalischer Umschlagplatz zur Gasweiterleitung innerhalb des europäischen Gasnetzes.

Und auch wenn Polen derzeit über nahezu vollständig gefüllte Gasspeicher verfügt, die jedoch deutlich kleiner sind als die deutschen und sich entsprechend schnell leeren, und Deutschland sparen muss, um über den Winter zu kommen, könne die Bundesregierung hier nicht einfach Mengen entnehmen, die von einem anderen europäischen Land gekauft wurden.

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Polen ist wichtige LNG-Absicherung für Deutschlands Gasversorgung

Und Deutschland tut auch gut daran, dies nicht zu machen. Denn bislang wurden die fehlenden russischen Lieferungen auch durch verstärkte LNG-Einfuhren kompensiert, doch diese Strategie hat ihre Grenzen. Die LNG-Importe waren in der ersten Jahreshälfte 2022 um 60% höher als im Vorjahr und erreichten zwischen 11 und 13 Mrd. m3 pro Monat, was nahe an der maximalen derzeitigen Importkapazität der EU liegt.

Und Polen verfügt über eigene LNG-Terminals wie z.B. das LNG-Terminal "Präsident Lech Kaczyński" in Swinemünde. Da in Brunsbüttel und Wilhelmshaven frühestens Anfang 2023 LNG eingeleitet wird, kann Polen auch als Gaslieferant für Deutschland von größerer Bedeutung sein. Stoppt Putin die Gaslieferungen über Nord Stream 1 komplett, wäre Polen eine der wenigen verbleibenden Möglichkeiten, Deutschlands Gasversorgung aufrechtzuerhalten.

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