Letzte Aktualisierung: 16.08.2022

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Kein Ende in Sicht: Strompreise gehen weiter durch die Decke

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Während sich wohl die meisten Deutschen noch vom Schrecken der hohen Gaspreise erholen müssen, taucht jetzt die Frage auf, wie es eigentlich um die Stromkosten bestellt ist. Kommt hier der nächste wirtschaftliche Kollaps auf uns zu? Eine längerfristige Entwicklung der Strompreise ist derzeit kaum abzuschätzen. Verbraucher:innen sollten sich aber auch hier auf saftige Rechnungen einstellen.

Hier sehen Sie ein Kraftwerk

Im schleswig-holsteinischen Flensburg steigen, wie überall in Deutschland, die Strompreise massiv. Derzeit liegt bei den Stadtwerken Flensburg selbst der günstigste Tarif bei über 70 Cent pro Kilowattstunde (Foto: Stadtwerke Flensburg)

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Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) belief sich der Strompreis für Haushalte im Juli 2022 auf durchschnittlich 37,30 Cent/kWh, was bei einem Verbrauch von 3.500 kWh jährlich rund 1.300 Euro entspricht.

Die Energiekosten unterscheiden sich sowohl nach Region als auch hinsichtlich des gewählten Tarifs. Unübersichtlichkeit schafft zudem die Tatsache, dass einige Tarife in der Grundversorgung gegenwärtig günstiger sind als jene von alternativen Anbietern.

Die Hauptursache für die regionalen Preisunterschiede sind die abweichenden Netzentgelte für die Durchleitung der elektrischen Energie. Die neuen Bundesländer mussten bislang deutlich höhere Preise zahlen. Diese Preisschere zwischen Ost und West wird sich allerdings zunehmend schließen, da der Bund einem Beschluss zufolge eine schrittweise Angleichung der Netzkosten verfolgt. Bis zum Jahr 2023 soll das Niveau bundesweit einheitlich sein.

Weiterhin spielt der lokale Wettbewerb eine entscheidende Rolle, was die Ursache für die Preisunterschiede betrifft. In ländlichen, dünner besiedelten Regionen sind der Regel nach weniger Stromanbieter aktiv, was den Wettbewerb hemmt und schlussendlich zu höheren Strompreisen im Vergleich zu den großen Städten führt.

Dennoch erleben auch die beiden Großstädte Berlin und Hamburg massive Preissteigerungen. Laut dem Vergleichsportal Check24 liegt der derzeit teuerste Tarif von Brillant Energie in Berlin, bei einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden, bei 77,18 Cents pro kWh. Bei identischem Verbrauch bricht in Hamburg Shell Energy mit 79,34 Cents pro kWh neue Rekorde (Stand: 16.08.2022)

Laut der täglich aktualisierten Übersicht der Strompreisentwicklung auf dem Energiemarkt, zur Verfügung gestellt von der FAZ, zahlen die Deutschen bei einem Verbrauch von 4.000 kWh durchschnittlich 48,8 Cents pro kWh (Stand: 16.08.2022).

Auch Ladesäulen für Elektroautos bleiben nicht verschont

Wer ein E-Auto fährt dürfte auch hier die steigenden Kosten an den öffentlichen Ladepunkten. bereits bemerkt haben. Der Ladenetzbetreiber Allego erhöht seine Preise zum 01.09.2022 und damit bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Am langsameren AC-Lader beträgt der Preis dann 47 Cent/kWh statt bisher 43 Cent. Das schnellere DC Laden steigt von 65 Cent/kWh auf 70 Cent/kWh.

Der hierzulande stark vertretene Anbieter EnBW verlangt im Standard-Tarif ohne Grundgebühr gegenwärtig 45 Cent/kWh am AC-Ladepunkt und 55 Cent/kWh am DC-Ladepunkt. Tesla fordert bis zu 58 Cent/kWh, Ionity bis zu 79 Cent/kWh.

Bei den Preisen handelt es sich um die Standardtarife inklusive Mehrwertsteuer und Transaktionskosten. Die Preise von Roaming-Anbietern können abweichen.

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Strombetriebene Wärmepumpen bleiben attraktiv – derzeit jedoch primär fürs Klima

Zu den Lösungsstrategien von Privathaushalten, zumindest bei Eigentümer:innen, zählen bei Preisexplosionen von Strom klar die Erneuerbaren Energien. Mit der Installation von Photovoltaikanlagen lässt sich im besten Fall die vollständige Unabhängigkeit vom Markt erreichen. Viele Menschen denken zudem, aufgrund der Gasknappheit, über die Anschaffung einer Wärmepumpe nach. Doch hier kommt die Frage auf, ob sich diese bei den aktuell gigantischen Stromkosten überhaupt lohnen würde.

Allgemein gelten strombetriebene Heizungen, insbesondere bei Altbauten, als teuer und ineffizient. Die Wärmepumpe jedoch stellt hier eine Ausnahme dar. Zwar nutzt sie für den Betrieb ebenfalls Strom, aber zusätzlich auch Wärme aus der Umgebung.

Zur Ermittlung des Stromverbrauchs einer Wärmepumpe eignet sich die sogenannte Jahresarbeitszahl (JAZ), die angibt, wie viele Kilowattstunden Wärme aus einer Kilowattstunde Strom generiert werden können. Typischerweise liegt die JAZ einer Wärmepumpe bei 3 bis 4. Somit kann sie aus 1 kWh Strom etwa 4 kWh Wärme produzieren.

Beachten Sie vor der Anschaffung der Wärmepumpe, dass diese zumeist nicht mit dem normalen Haushaltsstromtarif betrieben wird. Viele Stromanbieter boten in der Vergangenheit gesonderte Stromtarife für Wärmepumpen an, die bis vor kurzem deutlich günstiger waren. Mittlerweile ist der Preis aber auch hier stark gestiegen und mit ca. 40 Cents/kWh kaum noch von konventionellen Tarifen zu unterscheiden.

Aktuell ist die Kostenkalkulation für nahezu jedes (strombetriebene) Heizsystem äußerst schwierig. Aus ökologischer Perspektive lohnt sich die Installation einer Wärmepumpe jedoch allemal.

Die Hintergründe der Kostenexplosion

Die Strompreise stiegen bereits zum Jahreswechsel 2021/2022, zum einen, weil sich die CO2-Abgaben erhöhten, zum anderen, weil sich die Nachfrage auf dem Weltmarkt enorm erhöhte. Grund hierfür war das wirtschaftliche Wachstum nach den Einbrüchen durch die Corona-Pandemie.

Hinzu kamen Frankreichs Schwierigkeiten mit den Atomreaktoren. Aufgrund mehrerer Wartungsarbeiten musste unser Nachbarland Strom aus Deutschland und weiteren europäischen Ländern einkaufen, was die eh schon hohe Nachfrage zusätzlich steigen ließ. Die Stromanbieter mussten infolgedessen hohe Preise an den Strombörsen bezahlen, die sie an die Verbraucher:innen weitergaben. Die derzeit noch eingeschränkte Kapazität der französischen Atomkraftwerke geht zudem auf die sommerlichen Temperaturen zurück, wegen derer zusätzliche Meiler vom Netz gehen mussten.

Durch den Krieg in der Ukraine spitzte sich die Lage auf dem Energiemarkt endgültig zu.

Ein weiterer Grund für die Kostenexplosion ist der fehlende Windstrom. Für die Sommermonate ist das zwar nicht ungewöhnlich, doch in Krisenzeiten eine zusätzliche Herausforderung. Die Windflaute verstärkt zudem Deutschlands Abhängigkeit vom Gas, was sich wiederum auf die Kosten für elektrische Energie auswirkt. Hintergrund: Um eine Megawattstunde Strom zu erzeugen, wird die doppelte Menge an Gas benötigt. Somit wird jede Steigerung des Gaspreises verdoppelt weitergegeben.

Schwankungen bei Umlagen, Abrechnungen und Vertrieb

Der Strompreis an sich ist keine fixe Größe, denn für die Preisberechnungen sind sowohl der Staat als auch die Netzbetreiber und Stromanbieter verantwortlich. Diese haben ihrerseits Kosten, die mit Schwankungen verbunden sind:

  • Staat: Kosten für Steuern, Abgaben und Umlagen
  • Netzbetreiber: Kosten für Transport, Messung und Abrechnung
  • Versorger: Kosten für Beschaffung und Vertrieb

Darüber hinaus schwankt der Preis pro Kilowattstunde auch an der Leipziger Strombörse – in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage. Die gesamte Dynamik spiegelt sich schlussendlich auf den Abrechnungen der Privathaushalte wider.

Die Strompreise im Großhandel hängen wesentlich von den Primärenergie-Preisen ab, die wiederum vom Erdgas dominiert werden. Fließt wenig bis gar kein Gas mehr durch die russischen Pipelines nach Deutschland, steigen in Folge die Preise sämtlicher Energieträger. Hierdurch werden zudem die CO2-Emissionszertifikate teurer, die obendrein preisbestimmend für elektrische Energie sind.

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Strompreis in Deutschland seit 1998 kontinuierlich gestiegen

Der Strompreis setzt sich aus mehreren Komponenten mit unterschiedlich starken Anteilen zusammen. Laut BDEW fallen 29 % auf Steuern, Umlagen und Abgaben, 22 % auf Netzentgelte und 49 % auf die Stromerzeugung und -beschaffung.

Seit der Liberalisierung des Strommarktes im Jahr 1998 sind die Preise hierzulande um etwa 70 % gestiegen. Die Entwicklung der deutschen Durchschnittswerte verdeutlicht nachfolgende Tabelle:

Durchschnittswerte auf dem deutschen Strommarkt (Quelle: BDEW, Stand: Juli 2022)
Jahr Strompreis in kWh
2004 17,96 Cent/kWh
2006 19,46 Cent/kWh
2008 21,65 Cent/kWh
2010 23,69 Cent/kWh
2012 25,89 Cent/kWh
2014 29,14 Cent/kWh
2016 28,80 Cent/kWh
2018 29,42 Cent/kWh
2020 31,37 Cent/kWh
2021 32,16 Cent/kWh
2022 (Juli) 37,30 Cent/kWh

Der Strompreis ist in den letzten beiden Jahrzehnten also stetig gestiegen – trotz verschiedener Entlastungspakete, die jedoch häufig nur kurzfristige Effekte hatten. Bezüglich der Preisentwicklung im kommenden Jahr möchte sich derzeit niemand festlegen.

Aber was ist mit der Preisgarantie?

Die Bedeutung des Wortes „Preisgarantie“ liegt auf der Hand: sie soll einen konstanten Strompreis sicherstellen. Doch viele Kund:innen haben hier bereits eine böse Überraschung erlebt, da gleich mehrere Versorger die Energiekosten erhöhten. Doch wie kann das sein?

Bei Vertragsabschluss wird ein Aspekt gerne überlesen: Die Preisfixierung bezieht sich lediglich auf den Arbeitspreis. Ändern sich jedoch die Steuern oder erfolgen Anpassungen wie bei der (mittlerweile abgeschafften) EEG-Umlage, „darf“ der Preis pro Kilowattstunde steigen.

Darüber hinaus berufen sich einige Anbieter auf einen weiteren, allerdings fragwürdigen, Aspekt: Medienberichten zu Folge bezeichnete etwa die Firma Energieversorgung Deutschland den Ukraine-Krieg als Störung der Geschäftsgrundlage und argumentierte bei der entsprechenden Preiserhöhung mit dem §313 BGB.

Eine längerfristige Entwicklung der Strompreise derzeit kaum abschätzbar

Je nach Wohnort weichen die Energiekosten voneinander ab, hauptsächlich aufgrund der unterschiedlich hohen Netz-Nutzungsentgelte. Die nachfolgende Tabelle vergleicht die Stromkosten der einzelnen Bundesländer im Juni 2022. Ausgegangen wird von einem Verbrauch von 3.500 kWh im Jahr:

Stromkosten nach Bundesland (Quelle: Stromauskunft.de und Vergleich.de, Stand: Juni 2022)
Bundesland Strompreis im Tarif des lokalen Anbieters Strompreis im Tarif des günstigsten Ökostrom-Anbieters
Baden-Württemberg 39,84 Cent/kWh 40,13 Cent/kWh
Bayern 37,38 Cent/kWh 39,06 Cent/kWh
Berlin 36,06 Cent/kWh 35,12 Cent/kWh
Brandenburg 42,06 Cent/kWh 41,28 Cent/kWh
Bremen 25,23 Cent/kWh 38,01 Cent/kWh
Hamburg 37,10 Cent/kWh 38,25 Cent/kWh
Hessen 44,85 Cent/kWh 39,70 Cent/kWh
Mecklenburg-Vorpommern 41,72 Cent/kWh 29,42 Cent/kWh
Niedersachsen 38,54 Cent/kWh 39,26 Cent/kWh
Nordrhein-Westfalen 43,84 Cent/kWh 40,20 Cent/kWh
Rheinland-Pfalz 45,45 Cent/kWh 39,64 Cent/kWh
Saarland 37,47 Cent/kWh 40,83 Cent/kWh
Sachsen 36,93 Cent/kWh 39,50 Cent/kWh
Sachsen-Anhalt 39,39 Cent/kWh 39,65 Cent/kWh
Schleswig-Holstein 44,33 Cent/kWh 43,58 Cent/kWh
Thüringen 40,25 Cent/kWh 39,77 Cent/kWh

Im Juni 2022 war der Strom demnach in Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Rheinland-Pfalz am teuersten.

Konkrete Prognosen zur Entwicklung der Energiekosten wagt derzeit niemand, nicht zuletzt, weil ein Ende des Ukraine-Kriegs und den damit verbundenen Lieferengpässen von Gas kaum abzusehen ist. Auch ist es schwer einzuschätzen, mit welcher Strategie die Energieversorger künftig einkaufen werden. Aller Voraussicht nach müssen wir uns vorerst an ein hohes Preisniveau gewöhnen.

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