Letzte Aktualisierung: 22.10.2020

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Klimaneutrales Deutschland: 65% weniger CO2 bis 2030 machbar

Das Paradigma der Klimaneutralität erfordert neue Zwischenziele für 2030, sowohl in Deutschland als auch in Europa. Wie eine Reduktion der Treibhausgase in Deutschland bis zum Jahr 2030 um 65% und Klimaneutralität bis 2050 technisch mit Wirtschaftlichkeit, Wahrung der Investitionszyklen und Akzeptanz als Kernkriterien umsetzbar sind, zeigt jetzt die Studie „Klimaneutrales Deutschland“ von Prognos, Öko-Institut und Wuppertal Institut im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende & Stiftung Klimaneutralität. Die Autoren fordern: Wir brauchen aber eine komplett andere Gangart in der Klimapolitik!

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Eine Reduktion der Treibhausgase in Deutschland bis zum Jahr 2030 um 65 Prozent und Klimaneutralität bis 2050 sind machbar und technisch umsetzbar. Das zeigt erstmals die Studie „Klimaneutrales Deutschland“, deren Ergebnisse am 22.10.2020 vorgestellt wurden. Darin haben Prognos, Öko-Institut und Wuppertal Institut in verschiedenen Szenarien untersucht, mit welchen konkreten Maßnahmen Deutschland bis zum Jahr 2050 seine Treibhausgasemissionen auf null senken kann.

Mit beschleunigtem Kohleausstieg bis 2030 65% Treibhausgasemissionen reduzieren

Im November 2019 verabschiedete der Bundestag das Klimaschutzgesetz. Ziel des Gesetzes ist es, dass Deutschland bis zum Jahr 2050 treibhausgasneutral wird. Die von Prognos, Öko-Institut und Wuppertal Institut erstellte Studie „Klimaneutrales Deutschland“ zeigt erstmals, wie Deutschland dieses Ziel erreichen kann. Klimaneutral bedeutet dabei, dass die Treibhausgasemissionen in allen Bereichen vollständig oder fast vollständig vermieden werden. Insbesondere in der Landwirtschaft – aber auch in einzelnen industriellen Prozessen – verbleiben auch im Jahr 2050 noch Restemissionen. Diese residualen Emissionen werden durch die gezielte CO2-Entnahme aus der Atmosphäre und Speicherung als sogenannte „negative Emissionen“ ausgeglichen. In der Summe wird Deutschland so klimaneutral.

Zudem zeigt die Studie, wie Deutschland bis zum Jahr 2030 die Treibhausgasemissionen deutlich stärker senken kann als bislang vorgesehen und damit die aktuell diskutierten Ziele auf europäischer Ebene erfüllt. In dem Hauptszenario werden bis zum Jahr 2030 die Emissionen um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt – zehn Prozentpunkte mehr als das aktuelle Klimaschutzgesetz vorsieht. Die hierfür notwendigen zusätzlichen Einsparungen ergeben sich vor allem in der Energiewirtschaft durch einen beschleunigten Kohleausstieg und schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien sowie durch eine zügigere Transformation in der Industrie. Aber auch im Verkehr und Gebäudebereich werden zusätzliche Einsparungen erzielt.

Szenarien setzen explizit NICHT auf Verzicht als Voraussetzung für Klimaneutralität

Für die Studie untersuchten und modellierten die drei Institute Prognos, Öko-Institut und Wuppertal Institut insgesamt ein Jahr lang detailliert die Maßnahmen in den Sektoren Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft und Abfall. Auch die oft vernachlässigten Bereiche Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF) sowie die effiziente Gewinnung und Nutzung von Bioenergie wurden umfassend analysiert.

Bei der Auswahl der Maßnahmen zur Umsetzung der Treibhausgasminderung standen einerseits die Kosten im Vordergrund. Aufgrund der an vielen Stellen notwendigen schnellen Transformation wurden zudem die Fragen der technischen Umsetzbarkeit und dem möglichen Markthochlauf berücksichtigt. Um möglichst robuste Szenarien zu erhalten, lag der Fokus auf Technologien mit möglichst geringen technologischen und wirtschaftlichen Risiken. Der Einsatz von CO2-Abscheidung und -Ablagerung (Carbon Capture and Storage, CCS) wurde soweit es geht reduziert und wenn möglich alternative Technologien bevorzugt.

Gleichzeitig setzen die Szenarien explizit nicht auf Verzicht als notwendige Voraussetzung für Klimaneutralität. So steigt in der Studie die Pro-Kopf-Wohnfläche weiter und die Mobilität bleibt vollumfänglich erhalten. Bei der Ernährung wurden aktuelle Trends fortgeschrieben, wie ein moderat sinkender Milchkonsum, eine Verschiebung des Fleischkonsums hin zu mehr Geflügel sowie ein leichter Anstieg bei Biolebensmitteln. In den Berechnungen behält der Industriestandort Deutschland sein hohes Produktionsniveau und die Investitionen werden im Rahmen der normalen Modernisierungszyklen getätigt.

Die Studie stellt damit einen aus Kostensicht und unter Berücksichtigung der Umsetzbarkeit optimierten Weg zur Erreichung der Klimaneutralität 2050 dar. Die Studie wurde im Auftrag von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende & Stiftung Klimaneutralität erstellt.

Hintergrundinformation: So gelingt Klimaneutralität in den einzelnen Sektoren

Energiewirtschaft

Ein Drittel der gesamten Treibhausgasemissionen entfiel 2018 auf die Energiewirtschaft. Mit der Beendigung der Kohleverstromung im Jahr 2030, einem ambitionierten Ausbau erneuerbarer Energien im Stromsektor auf rund 70 Prozent des Bruttostrombedarfs, dem Ausbau von erneuerbaren Energien in den Wärmenetzen sowie einem Einstieg in die Wasserstoffnutzung in Gaskraftwerken können die Emissionen bis zum Jahr 2030 um etwa zwei Drittel gesenkt werden. Die Energiewirtschaft leistet damit den mit Abstand größten Beitrag zur Emissionsreduktion bis zum Jahr 2030.

Im Zeitraum bis 2050 werden die erneuerbaren Energien weiter ausgebaut und die Stromerzeugung aus fossilem Erdgas vollständig durch Wasserstoff ersetzt. Durch den Ausbau von Speichern, einen verstärkten Stromaustausch mit dem Ausland sowie eine gesteigerte Flexibilität der Stromnachfrage können auch langfristig – trotz des hohen Anteils der Windenergie- und Photovoltaik – das Stromangebot und die Nachfrage effizient in Einklang gebracht werden.

Industrie

Deutschland ist auch zukünftig ein bedeutender Standort für Grundstoffe wie Stahl, Grundstoffchemikalien und Zement, und meistert die Transformation der Grundstoffindustrien hin zur Klimaneutralität. Klimaneutralität lässt sich in der Industrie durch Effizienzmaßnahmen, einen weitgehenden Umstieg auf erneuerbare Energieträger (Strom, Wasserstoff, biogene Energieträger), innovative Produktionsrouten, wie die Herstellung von Roheisen in Direktreduktionsanlagen und chemisches Recycling, sowie den Einsatz von CO2-Abscheidung und Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) erreichen.

Die Industrie spielt eine wichtige Rolle bei der Erreichung der Klimaneutralität. Durch den gezielten Einsatz von biogenen Energieträgern ermöglicht sie in Kombination mit CCS negative Emissionen. Hierfür sind aufgrund ihrer räumlich hochkonzentrierten Energiebedarfe insbesondere die Standorte der chemischen Industrie und der Stahlindustrie geeignet.

Die Grundstoffindustrien Stahl, Grundstoffchemie, Zement, Kalk, Nichteisenmetalle, Glas, Gießereien, sowie Zellstoff, Papier und Pappe stehen zudem mit Blick auf eine Reduktion von Treibhausgasemissionen aufgrund der für die Umwandlung von Rohstoffen nötigen energieintensiven Hochtemperaturprozesse sowie dem Auftreten von prozessbedingten Emissionen vor besonders großen Herausforderungen und wurden deshalb besonders detailliert untersucht.

Verkehr

Statt motorisiertem Individualverkehr braucht es auf dem Weg zu einer klimaverträglichen Mobilität mehr öffentlichen Rad- und Fuß-Verkehr. Pkw müssen durch Pooling-Konzepte höher ausgelastet, der Gütertransport auf die Schiene verlagert und die Entwicklung emissionsfreier Antriebe vorangetrieben werden. Konkret bedeutet das: Im Jahr 2030 gibt es 14 Millionen Elektroautos und es fahren rund ein Drittel der Lkw elektrisch mit Batterien, Oberleitungen oder Brennstoffzellen.

2050 sind Pkw- und Lkw-Bestand dann nahezu vollständig elektrifiziert. Güter werden – mit 190 Milliarden Tonnenkilometern (Mrd. tkm) im Jahr 2030 und 230 Mrd. tkm im Jahr 2050 – verstärkt auf der Schiene transportiert. Der Luftverkehr und die Seeschifffahrt, bei denen Möglichkeiten der direkten Elektrifizierung noch nicht absehbar sind, basieren langfristig vollständig auf dem Einsatz strombasierter Kraftstoffe. Insgesamt verursacht der Verkehrssektor 2030 noch 89 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – 74 Millionen weniger als im Jahr 2019. Im Jahr 2050 ist der Verkehr in den Szenarien klimaneutral.

Gebäude

Im Gebäudesektor entstehen die Emissionen hauptsächlich bei der Erzeugung von Raumwärme und Warmwasser. In den betrachteten Szenarien steigt die jährliche Sanierungsrate im Vergleich zu heute um etwa 50 Prozent auf rund 1,6 Prozent. Gleichzeitig wird die Qualität (Sanierungstiefe) der eingesetzten Bauteile gesteigert. Der Verbrauch für Raumwärme und Warmwasser verringert sich im Szenario bis 2050 um 36 Prozent gegenüber 2018.

Die verbleibende Wärme wird weitestgehend CO2-neutral erzeugt. Die Zahl der Wärmepumpen erhöht sich von aktuell rund einer Million auf sechs Millionen in 2030 und auf 14 Millionen im Jahr 2050. In urbanen Gebieten steigt die Bedeutung der Wärmenetze stark an; die Nachfrage nach Fernwärme verdoppelt sich im Zeitraum 2018 bis 2050.

Landwirtschaft

In dem Sektor Landwirtschaft verbleiben im Jahr 2050 Restemissionen in Höhe von 44 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, was hauptsächlich auf die Tierhaltung zurückzuführen ist. Die wesentlichen Maßnahmen zur Reduktion von Emissionen in der Landwirtschaft sind vor allem die Reduktion von Düngemitteln und Tierbeständen, eine verstärkte Wirtschaftsdüngervergärung, die Ausweitung des Ökolandbaus und die Anpflanzung von weniger stickstoffintensiven Kulturarten. In der vorliegenden Studie werden keine Änderungen in den Ernährungsgewohnheiten bis 2050 angenommen, sondern aktuelle gesellschaftliche Trends fortgeschrieben.

Abfall

Bis zum Jahr 2030 sinken die Methanemissionen aus der Deponierung durch verstärkte Maßnahmen der Deponiebelüftung. Aufgrund von biologischen Prozessen bei der Deponierung und der Abwasserbehandlung lassen sich bis zum Jahr 2050 geringe Restemissionen nicht vollständig vermeiden.

Kommentar: Bundesregierung muss Anstrengungen für den Klimaschutz in allen Sektoren beschleunigen

Zur Studie "Klimaneutrales Deutschland" im Auftrag von Agora und Stiftung Klimaneutralität erklärten Lisa Badum, Sprecherin für Klimapolitik, und Dr. Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik:

Wie zuletzt die Studie von Fridays for Future zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens kommt auch diese Untersuchung zu dem Schluss, dass es nur mit einem viel schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien und zügigen Kohleausstieg die Erderhitzung weit unter zwei Grad zu stoppen ist. Die technischen und wirtschaftlichen Rahmen bieten bereits heute die Möglichkeit, Deutschland bis spätestens 2050 klimaneutral zu gestalten. Entscheidend ist nun, die Klimaanstrengungen in allen Sektoren heute noch zu beschleunigen.

Die Bundesregierung steht weiter auf der Bremse. Im Vergleich zu den Koalitionsplänen ist mindestens doppelt so viel zusätzliche Wind- und Solarenergie pro Jahr notwendig. Der Kohleausstieg muss nach Ansicht der Agora bereits 2030 abgeschlossen sein, um den Pfad der Klimaneutralität einzuhalten. Das bedeutet jedoch eine Beschleunigung beim Ausbau der Erneuerbaren Energien. Sauberer Strom ist das Rückgrat für die Klimawende in allen Sektoren, ob für die Antriebswende im Verkehr oder für die nachhaltige Wärmeversorgung im Gebäudebestand. Die Regierung muss ihren Entwurf für die Novelle des EEG jetzt zwingend anpassen.

Die Klimawende-Machbarkeitsstudie der Agora ist erneut ein wissenschaftlicher Appell und zugleich ein mutiger Impuls, die sozial-ökologische Transformation konsequent anzupacken. Deutschland kann die Modernisierung seiner Energieversorgung schaffen und die Klimaziele einhalten. Doch die Bundesregierung verliert sich erneut bei den anstehenden Weichenstellungen im Klein-Klein und in Prüfaufträgen. Darum fordere wir von der Regierung: Schluss mit der fortgesetzten Pillepalle-Klimapolitik. Wir brauchen eine Nachbesserung der EEG-Novelle im Sinne von Paris. Die Bundesregierung muss sich für einen EU-ETS-Mindestpreis stärker einsetzen und die verbleibende EU-Ratspräsidentschaft dafür nutzen, das EU-Klimaschutzgesetz und die Green Deal-Umsetzung schnell voranzubringen.

Link zur Studie „Klimaneutrales Deutschland“ von Öko-Institut, Prognos und Wuppertal Institut

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