Die Energiewende weg von Atom und Öl hin zu Erneuerbaren Energien wird in Deutschland eine gewaltige Innovationswelle auslösen. Nach welchen Regeln diese Innovationsprozesse ablaufen können, wird im neuen Verbundprojekt Inverins untersucht, an dem die Universitäten Kassels, Bremens und der Fribourgs (Schweiz) sowie das Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena beteiligt sind.
"Innovationen finden nicht in einzelnen Unternehmen ohne Rückkopplung mit ihrer Umwelt statt, sondern in Innovationssystemen", erklärt Prof. Dr. Georg von Wangenheim vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Kassel. "In diesen Systemen interagieren Verbraucher und staatliche Einrichtungen sowie Unternehmen als Anbieter und Nachfrager miteinander." Will die Politik die Ausbreitung von Innovationen beeinflussen, muss sie diese Interaktionen berücksichtigen. Das Verhalten der Akteure wird dabei nicht allein durch individuelles Handeln geprägt, sondern auch durch Regeln. Mit der Entstehung und Fortentwicklung dieser Regeln beschäftigt sich das Verbundprojekt Inverins, die Bedeutung und Diffusion von Institutionen in verbundenen Innovationssystemen.
Regeln, die Innovationssysteme beeinflussen, sind zunächst offensichtlich die rechtlichen Vorgaben des Staates. So sehen sich derzeit aufgrund verschärfter Abgas- und CO2-Richtlinien der Europäischen Kommission viele Autohersteller gezwungen, Elektro- und Hybridfahrzeuge in ihre Modellpalette aufzunehmen. Viel spannender, weil dynamischer und schwieriger durch staatliches Handeln zu steuern, sind allerdings die informellen, gesellschaftlichen Normen. Hier liegt der Schwerpunkt der Untersuchungen, denn nur über das Zusammenspiel von staatlichen Anreizen und gesellschaftlichen Normen lässt sich umweltrelevantes Handeln der Bevölkerung beeinflussen. Am Beispiel der Elektromobilität wird untersucht, wie sich zum Beispiel in großen Gruppen wie "den Konsumenten" Normen herausbilden, die die Nutzung von Elektroautos verlangen.
Dass viele Innovationen zwiespältig betrachtet werden, lässt sich auch hier verdeutlichen. Einerseits werden große Hoffnungen in die Technologie gesetzt und die staatliche Förderung ist ungewöhnlich intensiv. Andererseits sind aber auch viele kritische Stimmen zu hören, die die Energie-Effizienz individueller Elektromobilität in Frage stellen und die kostengünstige Speicherung elektrischer Energie noch in weiter Ferne sehen. Wie sich im gesellschaftlichen Dialog informelle Normen bilden und ausbreiten, stellen die am Projekt beteiligten Kasseler Forscher und ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut in Jena mit Hilfe mathematischer Modelle dar. Als Grundlage dienen so genannte "Ansteckungsmodelle", mit denen sich auch die Verbreitung von Meinungen in einer Gesellschaft darstellen lassen.
Zudem untersuchen die Forscher, wie solche Prozesse durch staatliche Eingriffe beeinflusst werden können und wie diese Prozesse selbst wiederum staatliches Handeln beeinflussen. Empirisch abgesichert werden die Modelle durch Forscher in Bremen und Fribourg. Dabei setzt die Universität Bremen auf Experteninterviews und die profunde Kenntnis von Innovationssystemen aus anderen Forschungsprojekten. Die Universität Fribourg unterstützt das Projekt mit medienwissenschaftlichen Methoden, die die Verbreitung von Meinungen als Spiegelbild der gesellschaftlichen, informellen Normen in Fach- und Massenmedien nachzeichnen.
Quelle: Universität Kassel