Letzte Aktualisierung: 14.09.2022

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Gas einsparen vs Gaskosten-Hilfen: Forscher erklären, wer was bekommt

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Der Gaspreis steigt und steigt, weil Nachfrage und Angebot aus dem Gleichgewicht geraten sind. Der Staat ist nun gefragt, die hohen Belastungen der Haushalte und Unternehmen abzufedern, ohne die Einsparziele für Gas in diesem Winter aus den Augen zu verlieren. Das DIW Berlin hat jetzt die politischen Optionen analysiert.

Ohne jegliche Entlastungen würden für private Haushalte die höchsten Mehrkosten anfallen. Eine Pauschalzahlung an alle Haushalte würde hingegen die höchsten Staatsausgaben verursachen. (Grafik: DIW Berlin 2022)

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"Die Gaslieferungen durch die Nord Stream 1 wurden von russischer Seite eingestellt. Die Lage ist angespannt und eine weitere Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden. Unternehmen und private Verbraucher müssen sich auf deutlich steigende Gaspreise einstellen. Die Bundesnetzagentur betont ausdrücklich die Bedeutung eines sparsamen Gasverbrauchs." So beschreibt die Bundesnetzagentur in wenigen, dafür prägnanten Worten die Lage der Gasversorgung Mitte September 2022 in Deutschland.

Während Medien und Politik viel über die gestiegenen Gaspreise diskutieren und wie man diese für einen bestimmten Grundverbrauch deckeln könnte, tritt dabei mehr und mehr in den Hintergrund, dass Deutschland im kommenden Winter zu wenig Gas besitzt, um alle Verbraucher weiterhin vollumfänglich zu versorgen.

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Gassparen ist das Gebot der Stunde

"In der Vergangenheit kam etwa die Hälfte des deutschen Erdgases aus Russland. Zum Teil lässt sich das aus anderen Quellen ersetzen, aber im kommenden Winter könnten 20%-30% weniger Gas zur Verfügung stehen. Anders als bei den Klimazielen lässt sich da nichts verschieben: Was nicht da ist, kann nicht verbraucht werden", erklärt Prof. Dr. Jochen Gönsch, Lehrstuhlinhaber für BWL, insb. Service Operations and der Universität Duisburg-Essen, die aktuelle Gasknappheit in Deutschland.

Die privaten Haushalte und die Wirtschaft in Deutschland haben in den letzten Monaten bereits auf die veränderten Bedingungen reagiert. Während bis Mai 2022 temperaturbereinigt nur rund 6,4 Prozent des Gasverbrauchs aus dem Vorjahr eingespart wurden, so der BDEW, wurde im Juni 2022 fast ein Viertel weniger Gas verbraucht als im Vorjahresmonat. Als Hauptgrund nennt der Verband die deutlich mildere Witterung als im Frühjahr 2021 und vor allem das hohe Gaspreisniveau.

Was es bedeutet, wenn in Deutschland kein weiteres Gas eingespart wird, macht die Bundesnetzagentur in ihren "Gas-Szenarien von Juli 22 bis Juni 23" überdeutlich: Denn in allen drei untersuchten Szenarien muss Deutschland 20% weniger Gas verbrauchen. Da wir uns mit dem aktuellen Lieferstopp über die Nord Stream 1-Pipeline aktuell im schlechtesten Worst-Case-Szenario der Bundesnetzagentur befinden ("Variante Nord Stream 0 %") sind sogar noch weitere Maßnahmen (wie z.B. zusätzliche Importkapazitäten) notwendig, um eine Gasmangellage im nächsten Winter zu verhindern.

20% Gas einsparen ist eigentlich ganz einfach. 18 statt 22 Grad spart etwa ein Viertel Heizkosten, die Heizung warten und einstellen lassen noch einmal so viel. Nur: wie bekommt man möglichst viele Menschen dazu, in den Sparmodus zu schalten, während gleichzeitig die Härten für besonders Betroffene gemildert werden?

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Wie sinnvoll sind Pauschalzahlungen und Wohngeld-Anpassungen?

Im DIW Wochenbericht 36 / 2022 (S. 455-463) erklären Karsten Neuhoff, Maximilian Longmuir, Mats Kröger und Franziska Schütze in "Hohe Gaspreisanstiege: Entlastungen notwendig" wie Preissignale, Pauschalzahlungen oder Gaspreisgarantien für den Grundbedarf einen Kostenanstieg für Haushalte begrenzen und zugleich Anreize zum Energiesparen teilweise bewahren.

Tabelle: Überblick über die vom DIW Berlin untersuchten Maßnahmen (Quelle: DIW Berlin)
Politikoption Annahmen
keine Maßnahme Kostenanstieg der Großhandelspreise auf 150 Euro/MWh
Pauschale für arme Haushalte Pauschalzahlung von 1240 Euro, nur für Haushalte, die mit Gas heizen und weniger als 60 Prozent des Medians des Äquivalenzeinkommens beziehen (Armutsgrenze)
Pauschale für alle Pauschalzahlung von 1240 Euro für alle Haushalte, die mit Gas heizen
Gaspreisgarantie Staatliche Gaspreisgarantie für 8000 kWh pro Haushalt für 20 Euro/MWh Großhandelspreis (statt angenommenen 150 Euro/MWh)
Partielle Preisgarantie, Pro-Haushalt-Limit Staatliche Gaspreisgarantie für 50 Euro/MWh für 80 Prozent des Gasverbrauchs der Vorjahre und für bis zu 8000 KWh pro Haushalt
Partielle Preisgarantie, Pro-Kopf-Limit Staatliche Gaspreisgarantie von 50 Euro/MWh für 80 Prozent des Gasverbrauchs der Vorjahre und bis zu 8000 KWh pro Person
Externes Preislimit EU-Regulierung für Versorgungsengpassfall limitiert Gaskosten auf 50 Euro/MWh

Pauschalzahlungen können verhältnismäßig unbürokratisch umgesetzt werden, sind jedoch vergleichsweise ungenau in ihrer Wirkung, so das DIW Berlin. Denn während eine einkommensabhängige Pauschalzahlung zur Überkompensation von Haushalten in gut gedämmten, kleineren Wohnungen führt, reicht sie nicht aus, um die starken Kostensteigerungen bei Haushalten in schlecht gedämmten, größeren Wohnungen zu kompensieren.

Zumindest einkommensschwachen Haushalten könnten die Mehrkosten durch höhere Gaspreise durch ein angepasstes Wohngeld erstattet werden. Um Anreize zum Gassparen zu erhalten, schlägt das DIW Berlin die Erstattung der Mehrkosten dann auf 80 Prozent des historischen Gasverbrauchs eines Haushaltes zu beschränken.

Da auch einige Haushalte der Mittelschicht hohe Belastungen zu erwarten haben, ist zu erwägen, ob die Begrenzung über die armen Haushalte hinausgehen sollte. Eine Pauschalzahlung an alle Haushalte würde allerdings hohe Ausgaben für den Staat verursachen.

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Gaspreisgarantie: Grundverbrauch-Limit ist wichtige Stellschraube

Alternativ sei eine Gaspreisgarantie denkbar, die aktuell auch von der Bundesregierung und auf EU-Ebene erörtert wird. Das DIW schlägt vor, eine Gaspreisgarantie auf einen Grundbedarf von 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs zu 7,5 ct/kWh bis zu einem maximalen Verbrauch von 8000 kWh pro Haushalt zu geben. Im Falle eines Neubezugs könnten Daten aus den Energieausweisen herangezogen werden. So könnte für alle Haushalte durch staatliche Förderung eine Mindestmenge an bezahlbarem Gas gesichert werden.

Ein Kritikpunkt an dieser Maßnahme ist jedoch, dass sie für Haushalte in gut gedämmten Wohnungen mit weniger als 8000 kWh Gasbedarf durch die gestiegenen Gaspreise keine zusätzlichen Anreize setzt, den Verbrauch zu reduzieren. Zusätzlich werden Haushalte in schlecht gedämmten Wohnungen nicht ausreichend entlastet.

Eine partielle Gaspreisgarantie würde aber höhere Kosten für den Staat verursachen, weil auch mittlere und reichere Haushalte entlastet werden würden. Ein absolutes Limit beim Grundverbrauch wäre daher eine wichtige Stellschraube, um die Kosten zu begrenzen, ohne die Entlastung bei unteren Einkommen aufzugeben.

Das DIW Berlin kommt zu dem Schluss, dass es keine ideale Lösung gibt. Die Politik müsse abwägen zwischen Zielgenauigkeit, Anreiz zum Gassparen, Umfang des Empfängerkreises und den Kosten für den Bundeshaushalt.

Das DIW Berlin empfiehlt zudem weitere Maßnahmen – etwa die Bereitstellung regelmäßiger Informationen zum Gasverbrauch, kurzfristige technische Optimierungen sowie Programme zur Steigerung der Energieeffizienz – notwendig, um eine solidarische Lösung der Krise zu ermöglichen.

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